1,50 bis 50’000’000 — und alles in €uronen!
Geschrieben am: 27. Juli 2009 in Arbeitsmarkt, Arge & Hartz IV
Schlagworte dieses Artikels: Abfindung, Arbeitsgericht, Lohndumping, Mindestlohn
Was haben diese Zahlen miteinander zu tun? 1,50 und 50 Millionen? Ganz einfach und offen gesagt: Sie sind Symbol und bezeichnen die aktuelle Schere zwischen zwei Jobs in Deutschland. Warum und wie wir darauf kommen?
Größer geht der Unterschied nicht mehr!
Bislang glaubte ich tatsächlich, dass angebotene Löhne von 5,50€ (Brutto je Stunde wohlgemerkt) in Callcentern auf der Insel Rügen und in Mecklenburg-Vorpommern eine Untergrenze bilden, die schon aus Anstand (wenn das überhaupt noch als anständig bezeichnet werden kann) nicht unterschritten wird. Auch vereinzelte Meldungen über Reinigungspersonal mit 3,75€ Brutto in der Stunde stellten in meinen Augen nur die schwarzen Schafe dar. Dachte ich jedenfalls, aber man kann sich durchaus eines besseren belehren lassen. So wie Freitag.
Das Arbeitsgericht in Stralsund verhandelte auf Klage der örtlichen ARGE gegen einen Gastronomen aus der Altstadt. Dieser hatte in seiner “Broilerbar” in Stralsund einer Angestellten einen Stundenlohn von 1,41 bis 2,32 gezahlt. Die ARGE Stralsund, vertreten durch den Leiter Peter Hüfgen, strengt derzeitig diverse Klageverfahren gegen Unternehmen an, die weit unter den Mindestlöhnen in verschiedenen Branchen arbeiten. Der Gastronom wurde zur Rückzahlung von Leistungen (12 x 825,-Euro) verurteilt, die die ARGE der Arbeitnehmerin als Ersatzleistung zahlen musste. Ebenfalls am Freitag verhandelte das Arbeitsgericht gegen ein italienisches Restaurant. Auch hier wurden Mitarbeiter aus Küche und Servicebereich mit Löhnen von um die 1,50 abgespeist. Aber Dumpinglöhne sind gerade in Mecklenburg-Vorpommern keine Seltenheit. “Das Problem durchzieht sich durch den gesamten Dienstleistungssektor”, do der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Vorpommern. Es gibt zwischenzeitlich viele bekannte Fälle in denen beispielsweise Friseure für 90 Stunden Arbeit 160 Euro pauschal bezahlt bekommen haben.
Ganz anders bezahlt wird dagegen der nunmehr Ex-Porsche-Boss Wendelin Wiedeking und mit 50 Millionen Euro Abfindung erhält er eine der höchsten Bonisummen aller Zeiten in Deutschland. Wer sich und sein Unternehmen so stark verkalkuliert und dann auch noch über eine solche Abfindung verfügen kann, hat in unseren Augen wohl auch rein gar nichts falsch gemacht. Der einstige Retter des Sportwagenherstellers und Managerprimus (was er auch heute noch sein dürfte), verrechnete sich bei der versuchten Übernahme von Volkswagen obwohl der durch geschickte Aktienspekulation die VW-Aktie teilweise auf über 1000 Euro brachte. Letztlich endet die Seifenoper durch die Finanzkrise und mit der Macht der Politik, die sich vehement gegen eine Übernahme von VW durch Porsche Aussprach.
Auch wenn 50% der Abfindung an soziale Einrichtungen gehen werden, bleiben dem Ex-Porsche-Chef noch gut 25 Mio für den Lebensabend oder für neue Jobs, denn so alt ist er nicht und der Tatendrang wird ihn garantiert auch schnell in andere Konzerne locken.
Eine riesige Schere, die sich da zeigt. Während die einen trotz Arbeit Leistungen vom Staat beziehen müssen und am Ende des Geldes oft noch reichlich Monat übrig haben, können die anderen länger und gründlich überlegen, wo man denn die Millionen anlegt. Wundert es einen da noch, dass viele arbeitslose sagen, dass sich Arbeit nicht mehr lohnt? Es wird deutlich Zeit für gerechtere Lohnverteilung und mindestens einer Einführung einer lebenswerten Lohnuntergrenze. 7,50 Euro, wie von den Gewerkschaften gefordert sind da noch viel zu wenig. Kleines Beispiel gefällig: Ein Maurer hier in Schweden beginnt, selbst bei Personalvermittlern oder kleineren Unternehmen nicht unter 14,50€ (entspr. ca. 160 SEK). Wo starten junge Baufacharbeiter hier? Dienstleistungen und Handwerk werden inzwischen in Deutschland fast zum Tiefpreis angeboten, wie ein kürlich durchgeführter Vergleich beweist.
Es wird Zeit, das sich was ändert. Lohndumping muss als Sittenwidrigkeit und Straftat behandelt werden und der Ausgleich des Geldes durch den Staat muss eindeutig gestoppt werden. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es beispielsweise mehr als 17000 (!!!) Arbeitnehmer (!!!), die Ausgleichsleistungen vom Staat beziehen. In anderen Bundesländern sieht es nicht anders aus. Gerade in strukturschwachen Regionen wird von Arbeitgebern bewußt die Möglichkeit von ARGE-Zusatzleistungen in Betracht gezogen und bei Vorstellungsgesprächen angeboten. So verriet uns vor einiger Zeit ein Personaler bei einem Bewerbungstest im Vorstellungsgespräch, dass wir für 6 Monate die Fahrkosten problemlos von der zuständigen ARGE bezahlt bekommen können und nach der Zeit würde er ein Schreiben verfassen indem er die Notwendigkeit der Weiterzahlung befürwortete, da er einen schließlich bräuchte aber keine Lohnerhöhung geben könne.
Wenn das schon so weit ist….
Eine spannende Woche wünscht
Die Redaktion
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Ganz sicher ist Lohndumping schlimm. Keine Zweifel daran. Aber warum kann man das nicht einfach den Markt regeln lassen? Wenn der Staat hier eingreift, greift er gerade bei den kleinen Betrieben zu weit ein.