Digitales Klassenzimmer – Utopie in Deutschland?
Geschrieben am: 20. Mai 2010 in Sonstiges
Schlagworte dieses Artikels: digitales Klassenzimmer, Interaktiver Unterricht, interaktives Lernen, Schule digital, Schulungen, Seminare
Mehrere Schulen traten bereits an unsere befreundete Medienberatungsgesellschaft heran und fragte nach Lösungen für das vielzitierte “digitale Klassenzimmer”. Jeder (wenigstens fast jeder) will es und kaum einer kann es wirklich durchsetzen. Digitale Klassenzimmer werden noch in 10 Jahren in Deutschland Utopie bleiben. Warum? Gründe und mehr für diese Prognose – in diesem Artikel.
Digitale Schule – Eine Utopie der Kultusminister und Medien?
Sicher gibt es Lösungen und Wege für so ein Projekt, doch nach vielen längeren Gesprächen mit Lehrern, Schülern, Direktoren und Medienpartnern ergaben alle diese Gespräche nur ein eindeutiges Ergebnis.
“So geht’s nicht.”
Es gibt eine Vielzahl von Direktoren aus Grund-, Haupt- und Realschulen, die sich der Notwendigkeit der Förderung der Medienkompetenz bewusst sind. Auch Gymnasialstufen sind da nicht ausgeschlossen. Und wenn man so einen Direktor erwischt, hat man schon einmal jemanden, der weiß wovon man selbst redet, wenn es um Digitalisierung von Lehrmaterial, Urheberrecht und Vernetzung mit den Schülern geht. Aber auch der interessierteste Direktor nützt nicht viel, wenn es an die Umsetzung und Realisierung eines solchen Projektes geht.
Einige Direktoren traten bereits, wie erwähnt, an eine Medienberatungsgesellschaft heran um die Möglichkeiten dieser Entwicklungen zu erkunden. Gut, wenn der Bedarf und damit die Nachfrage schon mal da sind, wäre es ja auch vermessen, nicht wenigstens ein Konzept zu entwickeln. Das machen deutschlandweit schon einige Medienprofis und fast alle enden genau nach diesem Konzept. Was gut und wichtig klingt, erstickt noch für lange Zeit im Keim. Es klemmt einfach überall.
Eine Folge der Sparzwänge und Informationsengpässe überall. Um es mal vorweg zu sagen. Wir kennen das Konzept und wissen durch einen Insider, von einem Big-Launch am 01.August, wo ein komplettes digitales Klassenzimmer mit allen Funktionen, Möglichkeiten und Kosten vorgestellt werden soll.
Selbst wenn der Direktor der Meinung ist, dass eine verstärkte Digitalisierung den Vorgaben und Empfehlungen der Kultusminister der Länder, dem Drängen nach mehr Medienkompetenz der Wirtschaft und auch dem Wunsch einiger Eltern nachkommen würde, steht man als Agentur ganz schnell vor einem riesigen Berg Probleme.
Da wäre das Problem der Webspaces. Es ist klein und geschickte Programmierer könnten das für Jahreskosten von unter 25 Euro realisieren. Dazu ein kleiner dreistelliger Betrag für die Umbauarbeiten der Schulwebseite und schon wäre eine Basis da, mit der man wirklich arbeiten könnte. Schulwebseiten sind in 98% aller Fälle grauenvoll und werden von Informatiklehrern gebastelt und nach Lust und Laune betreut. Meist auch von denen bezahlt, denn allein schon für Webspace oder die professionelle Erstellung ist kein Geld da. Aber das Problem könnte man noch großzügig als Geschenk aus der Welt schaffen. Nicht so ein elementares Problem also.
Viel stärker sind die Probleme, die entstehen, wenn das Projekt angelaufen ist. Coaching für Lehrer. Wie wir alle wissen, ist das Durchschnittsalter der Lehrer in Deutschland sehr hoch und da liegt auch schon oft das Kernproblem. Auch wenn fast alle inzwischen einen Computer einschalten können, sind viele nicht in der Lage diesen auch zu nutzen. Von der Nutzung von Speichermedien oder externer Peripheriegeräten ganz abgesehen. Unterrichtsmittel so also digital erstellen und in den Unterricht einbringen ist nur einer recht geringen Zahl der Lehrer möglich. Und die Agentur stieß auch auf gänzliche Ablehnung. “Mach ich nicht.” “Werde ich nicht nutzen.” “Will ich nicht mehr lernen.” Von Fachlehrern, deren Bereiche gerade auch prädesteniert wären für ein solches Unternehmen. Selbst Angebote, die Digitalisierung der Unterlagen zu übernehmen und modern zu überarbeiten wurde abgelehnt. “Haben wir noch nie so gemacht, brauchen wir nicht. Videos sollen die Schüler zu Hause gucken.”
Ein weiterer, und viel schwerwiegender Knackpunkt ist aber die liebe Technik. Direktoren sagten, dass Notebooks und Laptops so um die 800 Euro kosten würden je Stück. Ja, wo kaufen die denn? Gute Technik muss nicht teuer sein. Technische Anschaffungen werden meist überteuert geordert und die Budgets damit künstlich geschröpft. Auch hier müssten die Anbieter schon die Technikbeschaffung übernehmen, wenn … ja wenn überhaupt Geld dafür da wäre. Schulen nagen, je nach Stärke der Kommune, mehr oder weniger am Hungertuch. Kein Geld für nichts. Wenn Lehrer einige Monate vor Schuljahresende schon Anweisung bekommen, Kreide so klein wie möglich auszuschreiben und dann mit den Ministücken die Schüler schreiben zu lassen, braucht man nicht über die Anschaffung moderner Technik reden.
Sponsoring wäre eine Lösung, die tiefer gedacht aber auch selten wirklich erfolgversprechend ist. Wer sponsort eine Schule? Kommen nur zwei Unternehmentypen in Frage: Die, die zuviel Geld haben und es verschenken können und die, die sich aus Sponsoring Umsatz versprechen. Typisch müsste es sein für eine Schule. Sportlich vielleicht, jugendfrei und natürlich muss auch genug Geld fließen. Recht viel Geld.
Doch was in Berlin, Hamburg, Hannover und in anderen Städten größerer Kategorie vielleicht sogar möglich wäre, macht schon ländlichen Schulen Probleme. Sponsoren in wirtschaftlich flachsten Regionen wie Friesland, Oderhaff, Brandenburg? Das wird schwer.
Man müsste das refinanzieren können. Ein Online-Shop für Schulbücher oder Lehrerempfehlungen? Sie können sich vorstellen, dass dieser Shop so ziemlich nie besucht werden würde.
Und wenn schon Direktoren mit diesem Argument kommen, wird schnell klar, dass kurz darauf auch das Argument nach bundeseinheitlichen Standards kommt.
Ja, was? Bundeseinheitliche Standards? Wir haben schon Mobiltelefone mit 5 verschiedenen, nichtkompatiblen Betriebssystemen auf dem Markt, zwei Tablett-PC’s kommen in wenigen Tagen und Wochen mit unterschiedlicher Software und Applikationen auf den Markt und bei den Notebooks greift man sich als Otto-Normal-Verbraucher ohne Ahnung garantiert auch nicht gerade das, was man wirklich braucht. Bundeseinheitliche Standards? Dann können wir uns von diesem Thema bis 2020 verabschieden.
Ein weiterer Punkt ist auch die Sicherheit der Geräte. Schulen werden, seit Einführung von Computerkabinetten in schöner Regelmäßigkeit leer geräumt. Sobald bekannt wird, dass eine Schule die 19Zöller gegen TFT’s ausgetauscht hat, kann man davon ausgehen, dass der nächste Einbruch nicht lange auf sich warten lässt. Versicherungsschäden gehen deutschlandweit in die Millionen. Selbst wenn man ein Modell hat, wo die Schüler keine Laptops bekommen, ist die Gefahr sehr groß, dass Lehrer verstärkt überfallen werden oder die Geräte dann auch in der Schule gestohlen werden. 40 bis 60 Stück mehr in der Schule lohnen sich dann schon mal.
Sie sehen. Probleme über Probleme. Der Einbau einer simplen Internetsteckdose für Laptop oder ein W-Lan bis in jedes Klassenzimmer ist wirklich nicht das Kernproblem.
Viel Überzeugungsarbeit und noch viel mehr Geld ist notwendig, um in Schulen die Nutzung der digitalen Medien zu erreichen.
Die Einbringung von aktuellen Material in Bild und Ton aus dem Internet, die Nutzung von Tagesaktuellen Themen oder auch die Stärkung der Schüler in Medien- und Internetkompetenz wäre zwingend erforderlich aber kaum finanzierbar.
Bis alle Lehrer überzeugt werden könnten und die Digitalisierung fortwährend mit und durch die Fachlehrer auch aktualisiert werden, werden wahrscheinlich noch einige Jahre ins Land gehen.
Was im Moment bleibt, sind Unternehmen, die die mangelnde Medienkompetenz der Schüler beklagen, unzählige Ideen und Menschen, die Innovationen vorantreiben wollen.
Hoffen wir, dass sich das digitale Klassenzimmer mal irgendwann wirklich durchsetzen wird.
In diesem Sinne wünschen wir einen schönen Donnerstag
Die Redaktion
//O.F.
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