Warum machen wir’s nicht französisch?
Geschrieben am: 30. Januar 2009 in Jobpraxis
Schlagworte dieses Artikels: Deutschland, Frankreich, Qualität, Quantität, Streik, Vergleich
Dies ist kein Artikel für Schweinkram, sondern für den Arbeitskampf. Vergleicht man Deutschland und Frankreich, muss man zwangsläufig feststellen, dass Deutschland in den Fächern Streikqualität und Streikquantität glatt durchfallen würde.
Generalstreik in Frankreich
Was wir von den Franzosen lernen könnten
Also ich mag Frankreich, auch wenn ich erklärter Skandinavien-Fan bin. Lebensart und Kultur sind großartig und auch im Berufsleben machen uns die Franzosen deutlich was vor.
Gestern riefen im Land der Baguettes und guten Weine gleich 7 Gewerkschaften gleichzeitig zum Generalstreik auf und während hier ein Streik geradeeinmal wenige Stunden dauert, für Unmut bei Bahn- oder Fluggästen sorgt und recht schnell wieder vergessen ist, schaffen es die Franzosen, Forderungen nachhaltig im Streik zu untermauern. Wo liegt der Unterschied zu Deutschland?
Die Gewerkschaften sind ein Grund und auch dort die treibende Kraft. Allerdings sind diese dort in der Lage, sich zusammenzuschließen, so wie gestern, als es gegen die Politik des eigenen Präsidenten ging. Darauf würde hier schonmal grundsätzlich niemand kommen, geschweige denn, dass Gewerkschaften sich zusammenschließen würden. Jeder kocht hier sein eigenes Süppchen.
Die Mentalität ist die andere Ursache. Wenn einem Franzosen was nicht passt, sagt er es. Genau wie ein Italiener oder Spanier. Nur der Deutsche nuschelt sich was in den Bart oder regt sich bestenfalls hinter verschlossener Tür darüber auf. Gesagt wird nichts. Wir sind ein Volk von Duckmäusern und Jammerlappen. Ja, wirklich und ich zähle mich schließlich auch dazu.
Die Einstellung zum Arbeitgeber und zum Job ist ebenfalls deutlich anders. Auch ein Franzose braucht einen Job und das Lohngefüge ist etwas anders gestaltet. Ein Franzose würde auch wahrscheinlich seinen Job nicht freiwillig aufs Spiel setzen, doch für uns Deutsche ist der Arbeitgeber noch immer der “gnädige Herr” der immer Recht hat. Brötchengeber und Person-zum-Aufschauen. Da widerspricht man nicht und noch weniger verweigert sich ein Deutscher irgendwelchen Anweisungen oder gar Drohungen. Ein Franzose sagt dem Chef mal freundlich aber bestimmt die Meinung und tut was er für richtig hält.
Letztlich führt die nationale Solidarität zu einer stark verbesserten Steikwirkung. Wenn Eisenbahner, Fluggesellschaften oder andere Berufsgruppen streiken, finden sich immer zwei oder mehr Berufszweige, die sich solidarisieren und ebenfalls durch Streik auffallen. Auch wer nicht direkt betroffen ist, solidarisiert sich und arbeitet bestenfalls noch von zu Hause. Versuchen Sie doch mal hier die Eisenbahner dazu zu gewinnen, bei ver.di-Streiks mitzumachen oder umgekehrt. Das scheitert schon an unserer Bürokratie.
Die Strategien der Gewerkschaften tun ihr übriges. Wenn Streik, dann richtig. Dann geht den ganzen Tag oder eine ganze Woche gar nichts und je länger das dauert, desto mehr Chaos entsteht und desto mehr beteiligen sich. Trucker oder Bauern sperren Autobahnen nicht für Minuten zur Warnung sondern mal gleich zwei Tage. Der dadurch entstehende Druck auf den Arbeitgeber und auf die Politik wird die Forderungen erreichbar machen. Hierzulande wird noch bei einem 3-Stunden-Warnstreik dafür gesorgt, dass der Arbeitgeber ja keinen Verlust erleidet und besser noch, fast schadlos davonkommt.
Französische Gewerkschaften greifen in nicht geringem Maße auch die Politik an und entscheiden mit. Dieses Recht ist schon durch den Landesslogan der Tricolore “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” so verinnerlicht, dass das Nationalgefühl immer für Gleichgesinnte sorgt. Öffentliches Nationalgefühl in Deutschland? Ja, aber bitte nur wenn Fußball- oder Handball-WM sind. Sonst bitte zu Hause lassen.
Man könnte hier in Deutschland durchaus schon bei den Strategien was abkupfern oder auch bei der Solidarität. Unsere innere Einstellung werden wir wohl nicht ablegen können. Das liegt in den Genen. Die Mentalität ist vorgegeben und lässt sich schwerlich ändern.
Vielleicht versuchen wir es ja mal,
beim nächsten Mal.
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